Rosig Pelzig: On Susanne Weber-Lehrfeld’s Enigmatic, Radical Art
In der Lyrik dient die Rose oft als Metapher für weibliche Schönheit, Anmut und Unschuld – zarte, aufblühende Blüten in Pastelltönen, oder auch sattrote Blumen, die für Liebe und Leidenschaft stehen. Dornen freilich haben sie alle. Die Rosen in diesen Arbeiten allerdings sind aufgeblüht, verblüht, getrocknet. Sie erzählen vom Vergehen der Zeit (und damit auch vom Vergehen oder vielleicht doch eher der Veränderung von Schönheit) – das wird besonders deutlich, wenn man weiß, dass die in den Collagen verwendeten Rosen der Künstlerin über die Jahre allesamt von ihrem Mann zum Geburtstag geschenkt wurden – sie zählen also wirklich die Jahre. Susanne Weber-Lehrfeld hat sie sorgfältig getrocknet für ihren Einsatz in den vielschichtigen Arbeiten in dieser Ausstellung. Unwillkürlich kommt mir da die erste Zeile von William Blakes berühmtem Gedicht The Sick Rose in den Sinn: „O Rose, thou art sick“ – am Ende des kurzen Gedichts wird der Rose der Tod prophezeit: „And his dark secret love / Does thy life destroy.“ Hier aber wird kein Leben zerstört, sondern das Leben mit all seinen Kämpfen wird: gefeiert.
Die Pelze, die in ihren Arbeiten immer wieder auftauchen, stammen aus dem schier unerschöpflichen Fundus ihrer Mutter, wie überhaupt ihr Werk immer wieder um das von der Mutter vorgelebte Modell von Weiblichkeit kreist, sich kritisch damit auseinandersetzt und sich auf radikale Weise davon emanzipiert. Diese Pelze waren Statussymbole und Zeichen von Wohlstand, in gewisser Weise Trophäen, wie auch die Frauen, die sie trugen, mitunter Trophäen waren. Bei Weber-Lehrfeld werden sie umgedeutet, in der Performance befreit sie sich von den einengenden, belastenden Pelzen und befreit dabei auch die Pelze von ihrer Funktion. In der zweiteiligen Arbeit Spuren scheinen sie der Aufforderung „Tanze bei Vollmond“ zu folgen, verweigern ihre Zuschreibung als schmückende Kleidung und führen eine Choreographie auf.
Es geht bei Susanne Weber-Lehrfeld also um die großen Themen: um Schönheit, Weiblichkeit, Vergänglichkeit, Alter und, ja, auch um den Tod. Die Künstlerin spricht von der Faszination, die für sie von der Schönheit des Morbiden ausgeht. Susanne Weber-Lehrfeld setzt sich mit diesen Themen schonungslos ehrlich auseinander, und dennoch strahlen die Arbeiten keinerlei Schwermut aus, sie zeugen von Lebenserfahrung, Kampf, Anstrengung, aber eben auch von Energie, Lebensfreude und Optimismus. Für diese Lebensfreude stehen vielleicht insbesondere der leichtfüßige Tanz auf den Blüten in Spiel und die ungeheuer dynamische, malerische Tafel Untitled 12.
Der Künstlerin ist wichtig, dass die Arbeiten eine Energie transportieren. Der kreative Prozess soll sichtbar und nachvollziehbar bleiben – das ist ihr bei aller Präzision und ästhetischen Strenge wichtiger als jede Vorstellung von Perfektion. Sie ist, wie sie sagt, auf der Suche nach dem Perfekten im Imperfekten. Deshalb ist auch jede Naht – beispielsweise bei Rosig 1 – von Hand genäht. Für die Künstlerin ist dies durchaus eine Geduldsprobe –Geduld sei, wie sie erzählt, nicht gerade eine ihrer großen Stärken – und gleichzeitig Gelegenheit zum Innehalten und zum kontemplativen Arbeiten.
Ihre Themen sind klar konzipiert, das Material wird sehr bewusst ausgesucht, aber die Umsetzung ist dann oft eher intuitiv, und viele Entscheidungen kann die Künstlerin dann auch gar nicht erklären – “das musste eben so sein” hört man oft, wenn man sich mit ihr über einzelne Werke unterhält. Sie sind hinsichtlich ihrer Interpretation radikal offen und fordern die Betrachter*innen heraus, sich sowohl emotional als auch rational mit ihnen auseinanderzusetzen. Wenn man sich auf sie einlässt, klingen sie lange nach.
Susanne Weber-Lehrfeld ist gleichermaßen bildende Künstlerin und Performancekünstlerin, und ihre künstlerischen Praxen stehen in einem Wechselspiel. Besonders deutlich wird das bei den verwendeten Materialien, die wie in einem geschlossenen System immer wieder neu und anders verwendet werden. So verwendet sie in ihren objekthaften, geradezu skulpturalen Arbeiten beispielsweise auf Leinwand gedruckte Videostills. Das fügt ihnen eine weitere Bedeutungsebene hinzu. Bei Rosig 3 ist es ein Still aus dem Video ihrer Performance Welche Nahrung gibst du deiner Seele, aufgenommen vor Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg in der Bretagne. Mit der abstrakten Figur, dem Korpus aus Rosen im Zentrum der Arbeit assoziiert man unwillkürlich Kreuzigung, Segnung, Auferstehung und Himmelfahrt. Die goldene Rose oben rechts mag auf den Stern von Bethlehem verweisen. Angesprochen auf die für mich ganz deutlich christliche Ikonographie dieser Arbeit, ist Susanne Weber-Lehrfeld zunächst überrascht, berichtet jedoch dann von ihrer katholischen Sozialisation. Man sieht, dass das Unterbewusste in diesem Œuvre eine wichtige Rolle spielt, und ebenso, dass die Werke ganz grundsätzlich offen sind: Die Interpretation bleibt ganz den Betrachter*innen überlassen, auch die Titel verweigern jegliche interpretatorische Festschreibung.
Und, auch das sei bemerkt, es sind dezidiert weibliche Arbeiten – ganz und gar nicht im Sinne von mädchenhafter Verspieltheit, sondern vor allem in ihrem entschieden feministischen Ansatz. Es ist kein Zufall, dass Weber-Lehrfeld auf die Frage nach Vorbildern Marina Abramović und Louise Bourgeois nennt. Wir sind hier mit kritischen Auseinandersetzungen mit den mit gesellschaftlichen Konventionen von Weiblichkeit sowie mit Fragen der Emanzipation von diesen Konventionen und der Selbstermächtigung konfrontiert.
All dies lässt sich am für die Ausstellung namensgebenden Triptychon Rosig Pelzig festmachen, der vielleicht radikalsten Arbeit dieser Ausstellung. Die Arbeit spielt mit Verhüllung und Offenbarung. Die kunsthistorischen Referenzen reichen von Botticellis Geburt der Venus und Dürers Eva-Darstellungen bis hin zu Kirchners Trauriger Frau und natürlich Helmut Newtons provokativen Akten. Aber im Gegensatz zu den Arbeiten, auf die sie sich beziehen, handelt es sich hier nicht um eine junge Frau. Die strahlend goldenen Rosen in dieser Arbeit ziehen den Blick genau auf das, was sie gleichzeitig verhüllen, nämlich Scham und Brust, und der dritte Teil lässt an Hamlets berühmten Monolog „Alas!, poor Yorick“ in der Friedhofsszene denken, wo Hamlet den Yoricks Schädel in der Hand hält und über Vergänglichkeit, Tod und die eigene Sterblichkeit reflektiert. Die Pelze spielen hier eine andere Rolle als in vielen anderen Werken. Als eine Art Lendenschurz im mittleren Bild und schützendem Umhang auf der dritten Leinwand bieten sie hier Schutz und sind gleichzeitig ein erotisch aufgeladenes Accessoire. Die Arbeit feiert gänzlich schambefreit und ebenso selbstverständlich wie radikal die Erotik des älter werdenden Körpers. Die befreiende Wirkung ist enorm.
Die Performance EPPUR SI MUOVE schließlich ist von einem kollaborativen Ansatz geprägt – Dichtung und Musik spielen wichtige Rollen. Sie ist inspiriert von der märchenartigen Erzählung Zurückgekehrt der deutsch-französischen Dichterin und Schriftstellerin Antemanha, in der Pelze zum Leben erwachen. Auch hier, wie letztendlich in allen Arbeiten dieser Ausstellung, geht es um weibliche Selbstbefreiung, Selbstentdeckung und Selbstwirksamkeit. Begleitet wird diese Performance von der Lesung des Gedichts Fell Inventar von Antemanha, das den Denk- und Emotionsraum der Performance assoziativ erweitert. Die elektronische Musik von Cedric Duhaire trägt die Bewegung der Performance, die wie eigentlich alle hier versammelten Arbeiten mit ihrer Radikalität, ihrem Mut und auch ihrem Witz beeindruckt.
Diese Kunst hat ein Anliegen, sie will etwas bewegen, aus althergebrachten Denkmustern ausbrechen.
Und sie bewegt uns.
Wilhelm Werthern
Redakteur Kunst, deutsche Ausgabe der LE MONDE diplomatique
