Rosig Pelzig: Einführung
von Dr. Susanne Rockweiler

Die künstlerische Praxis der Künstlerin Susanne Weber-Lehrfeld entfaltet sich in einem Spannungsfeld zwischen medialer Vielfalt und inhaltlicher Verdichtung. Performance (später festgehalten als Videoarbeit), Collage, Malerei und Fotografie werden zum verwobenen Gefüge.

Welchen Erinnerungen, familiären-kulturellen Traditionen sowie tradierten Rollenbilder können eine künstlerische Position prägen und gleichzeitig zu einem Aufruf des subtilen Widerstands, Eigensinns und Protests führen als authentische Bewegung?

Einige Gedanken, um den Blick zu öffnen und die hier zu sehende neue Werkgruppe für sich weiter zu entdecken. Fast alle Arbeiten sind in diesem Jahr (2026) entstanden und erstmals öffentlich zu sehen.

Der zunächst zarte und harmlos wirkende erste Teil des Titels dieser Ausstellung, nämlich das Wort „Rosig“ wird ergänzt durch das Wort „Pelzig“, das möglicherweise bei Ihnen, liebe Besucher:innen, einen pelzigen Geschmack im Mund hinterlassen könnte oder wie Botho Strauß es in „Der junge Mann“ formuliert: Es (das Wesen) stieß immer wieder dumpf und pelzig gegen das (Fenster) Glas.

Die Künstlerin hat sich vor allem auf die Materialien Rose und Pelz fokussiert. Warum hat sie möglicherweise dies Materialien in ihrer Symbolik und in ihren Attributen ausgewählt und in welcher historischen, biografischen und gesellschaftlichen Kontextualisierung könnte ihre Bedeutungsdeutungen stehen?

Ein Leitmotiv der Künstlerin ist das japanische Wabi-Sabi. Als traditionelle japanische Philosophie und Ästhetik bedeutet es, die Schönheit im Unvollkommenen, Unperfekten und Vergänglichen zu finden. Wabi steht für Bescheidenheit und Einfachheit. Sabi bezieht sich auf die Schönheit, die durch das Alter und den Lauf der Zeit entsteht.

Die Rose gilt in der italienischen Renaissance als klassisches Symbol der römischen Göttin Venus (griechisch Aphrodite). In einer der römischen (und griechischen) Mythologien ist die Entstehung der roten Rose untrennbar mit dem Liebespaar Venus und Adonis verbunden. Adonis wird tödlich verwundet. Venus beweint den sterbenden Geliebten. Aus den Tränen und dem auf den Boden tropfenden Blut des Adonis entsteht der Legende nach: die rote Rose.

Kunsthistorisch ist sie der Solitär unter den Blumen und seit Jahrhunderten von vielschichtiger Symbolik zwischen Liebesmetapher, Marienattribut – d.h. Sinnbild für die Jungfrau Maria („Rose ohne Dornen“). In Literatur und Kunst ist sie Inbegriff der Dualität aus Schönheit (Blüte) und Schmerz (Dornen). Das macht sie inhaltlich komplex und zu wesentlich mehr als nur ästhetisches Dekor.

Ihre samtigen Blütenblätter stehen für Verheißung und Fülle. Ihre Stacheln erinnern daran, dass Nähe Schmerz und Verletzung bedeuten kann. In der Lyrik, etwa bei Hilde Domin, wird die Rose in „Nur eine Rose als Stütze“ zum Bild eines fragilen Halts im Zustand existenzieller Unsicherheit, die Trost bietet und zugleich die Unsicherheit der eigenen Lage schmerzhaft bewusst hält. In der zeitgenössischen Kunst taucht die Rose – beispielsweise bei Isa Genzkens monumentaler 8m-Skulptur aus Stahl und Aluminium mit dem Titel Rose oder auch Pink-Rose im öffentlichen Raum auf (u.a. in der Lichtentaler Allee in Baden-Baden und im Garten des Liebighauses in Fa.M. zu sehen). Genzken erhebt die einzelne Blume zur überlebensgroßen Ikone unserer Gegenwart als ambivalentes Symbol von Erhabenheit und Bedrohung.

Die Rosen in dieser Ausstellung sind jedoch ohne Stiel und daher ohne Dornen. Die einstigen prallen Blütenköpfe sind getrocknete Überreste von konkreten Situationen unmittelbaren Lebens. Das Poröse ist gleichzeitig mit dem „Schützenswerten“ verbunden. Als traditionelles Zeichen und Gedenkanlass der Liebe – die Rosen sind Geschenke ihres Liebsten, die sie sammelt – verschiebt sich ihr Wesenskern hin zu einer Metapher vergänglicher Erfahrungen, getrocknet und konserviert als aufgeladene Speicher der Erinnerung. Erinnerung ist stets persönlich und labil – im Vergleich zur dokumentierten und immer wieder repetierten Geschichte als kollektives Gedächtnis.

Das Nachdenken über die Rose führt zu Überlegungen der Verwundbarkeit („Vulnerabilität“) und Verletzlichkeit als Grundlage unseres Daseins und emotionaler Prägung.
So steht eine frische Rose für das unmittelbare Leben. Sie ist schön, aber flüchtig und verwelkt mit der Zeit. Durch den Akt des Trocknens, d.h. meist Kopfüberaufhängens wird diese Vergänglichkeit aufgehoben. Die Blume verduftet – sie verliert also ihren Duft und ihre Lebendigkeit – gewinnt dafür aber Dauerhaftigkeit. Beim flüchtigen Betrachten erscheint sie uns zunächst starr, leblos und abstrakt, bis sie beim genaueren Hinsehen von uns mit neuem Sinn oder eigenen Erinnerungen und Erzählungen aufgeladen wird.

Dem floralen Material tritt das Fell das „Pelzige“ als zweiter Bedeutungsträger hinzu.

Dass die verwendeten Felle von der Mutter der Künstlerin stammen, lädt sie biografisch und genealogisch auf: Das Material trägt Erinnerung, Herkunft und Weitergabe in sich und zugleich ein sich Loslösen und Abarbeiten. Denn die kostbaren Mäntel werden von der Künstlerin zerschnitten, die Bedeutung, Geschichte und Assoziationen in etwas Neues transformiert und dadurch möglicherweise von dem Altaufgeladenen befreit. Gleichzeitig setzt sie dieser Transformation ein Denkmal oder vielleicht auch ein Mahnmal. Das Fell ruft kulturelle Assoziationen auf, wie Luxus, Dekoration der Frau und Statussymbol, Schutz, taktile Sinnlichkeit sowie tote, behaarte Haut.

Der historische Ausgangspunkt vieler Überlegungen zu Pelz in der Kunst ist Meret Oppenheims Objekt „Déjeuner en fourrure“ (1936), das pelzbezogene Tee-Service, das in den Kanon der Moderne eingegangen ist. Indem sie ein bürgerliches Alltagsobjekt vollständig mit Pelz überzieht, verknüpft Oppenheim sensorische Irritation mit einer subtilen Kommentierung von Geschlechterrollen, Konsum und domestizierter Natur. Die weiche, tierische Außenseite kommt der empfindlichen Schleimhaut des Mundes bedrohlich nahe; die zivilisierte Teestunde kippt in ein Szenario zwischen Begehren, Unbehagen und animalischer Intimität. Sprachliche Redewendungen wie „ein dickes Fell haben“ oder „jemandem das Fell über die Ohren ziehen“ erweitern diese Bedeutungsdimension um Aspekte von Abhärtung, Macht und Archaik.

Das Triptychon mit dem Titel „ROSIG PELZIG“ verbindet fünf der ausgestellten Collagen (deren Titel „Rosig“ ist) mit dem „Pelzigen“ der Performance. Das Triptychon ruft mit seiner Dreiteiligkeit bewusst die kunsthistorische Tradition sakraler Bildformate auf, die seit dem Mittelalter für eine Gegenüberstellung und verdichtende Erzählung als Altarbild genutzt wird und in eine zeitgenössische fotografische Bildersequenz überführt.

Zu sehen sind: eine Frau, ein Schleier, Rosen und Pelz. Im Zentrum steht der nackte weibliche Körper, der in allen drei inszenierten und auf Folienmaterial gedruckten Fotografien durch einen Schleier verhüllt und zugleich hervorgehoben wird. Die Künstlerin ist Subjekt, d.h. Regisseurin, und zugleich Objekt, sie ist die Dargestellte. Sie schaut uns Betrachter:innen nicht an und fordert uns nicht zum Blickkontakt auf.
Ihr Blick scheint sich, nach innen zu wenden oder an uns vorbei. Der Schleier bietet einen Save-Space in Sinne von Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“ und fungiert gleichzeitig als Schutz und Abstandshalter zwischen Sich-Zeigen und Intimität bewahren. Die Protagonistin hält mit Gold besprühte Rosen in den Händen, die die sekundären Geschlechtsmerkmale bedecken und auch betonen. Sie hält sie vor ihre Scham oder vor ihre Brutwarzen. Die Rosen sind in Gold getaucht – Farbe und Symbol für Kostbarkeit.

In einem der Bilder öffnet sich der Schleier, während ein Pelz Hüfte und Taille umschließt, die Brust sichtbarer wird und als Kippmoment lesbar werden kann des entweder aus dem Schleier Heraustretens und damit weiter an der mütterlichen Tradition einer Frau in Pelz festhalten oder des sich hinter dem Save-Space-Schleier weitgehend unsichtbaren Fortentwickelns und Ausprobierens.

Die gesamte Ausstellung der 1951 geborenen Künstlerin, die im Alter von 59 Jahren das Funktionieren als Apothekerin hinter sich ließ, nach Berlin zog, 2010 ihr Studium an der Universität der Künste Berlin begann und an der Kunsthochschule Weissensee abschloss, die als Performerin aktuell beim Staatsballett Berlin in der Produktion NUREJEW zu sehen ist und ihre Arbeiten unter anderem in Ankara, Mailand, New York, Paris, Venedig und Seoul ausstellt, bietet keine geschlossene Erzählung, sondern sie erzeugt Resonanzen um und über Erinnerungen und Erfahrungen nachzudenken: ganz für sich oder im Austausch mit anderen.

Denn Erinnerungen sind mit anderen Menschen verwoben, Erinnerungen sind fragmentarisch, erst durch Erzählung oder hier durch das Betrachten von Kunst erhalten sie Form und Struktur deren Bewertung sich durch Austausch verändern kann. Sie wird zur Folie und zur Sozialen Plastik im Sinne von Joseph Beuys: Als Aufruf zu Aktionen, der sich nicht auf ein abgeschlossenes Werk beschränkt, sondern das kreative Denken und Handeln des Menschen einschließt.